Hinweise auf den aktuellen Vortrag

 

Informationen zu der Veranstaltung im März 2019

 

 

VA-Nr.:
03/2019
Thema:

"Klinische Medizin - in Zukunft menschlich beziehungslos?"

Referentin:
Prof. Dr. Dr. Heiner Raspe, Lübeck/Münster
Datum:
Donnerstag, den 28.03.2019, 20.00 Uhr
Ort:
Hochschule Bremerhaven, An der Karlstadt 8, Haus S, Raum S 207

 

 

 

 

 

Zum Vortrag

 

Kernthesen

 

Entwicklungen innerhalb und außerhalb der Medizin erschweren es Ärzten und Patienten, persönliche Beziehungen aufzunehmen und aufrechterhalten. Die Krankenbehandlung scheint beziehungsärmer und damit inhumaner zu werden.
Der Vortrag vertritt zuerst die These, dass unterschiedliche klinische Situationen bestimmte Beziehungsformen und Humanitätsansprüche erfordern und zulassen und andere erübrigen und praktisch ausschließen.
Dazu wird eine Reihe klinischer Situationen skizziert, von nahezu beziehungslosen („artifizielle“ Dermatologie, Telemedizin) über beziehungsarme (Vorsorgeprogramme, Konsiliar-untersuchungen) zu personal anspruchsvolleren (kurze kurative Behandlung akut körperlich Kranker) bis zu unverzichtbar bipersonalen (langjährige Behandlung körperlich chronisch Kranker, lebensbeendende Erkrankungen).
Es ist offensichtlich, dass das, was an zwischen- und mitmenschlicher Leistung von den Beteiligten erwartet und mit guten Gründen gefordert werden kann, über die Szenarien hin drastisch zunimmt.
Einerseits bedeutet dies, als beziehungsarm angelegte und akzeptierte Situationen von weitergehenden Beziehungs- und Humanitätserwartungen zu entlasten. Es scheint auch im Humanen ein „Maß des Notwendigen“ zu geben, das nicht ohne Weiteres überschritten werden sollte.
Andererseits ist v.a. in der Versorgung chronisch Kranker auf der Ermöglichung personaler Beziehungen zwischen Patienten und Ärzten zu bestehen. Ohne diese Basis ist eine bedarfsgerechte, effektive und lebenskluge Behandlung von z.B. chronisch Rheumakranken schwer vorstellbar. 
Auch in diesem Bereich erschweren verschiedene Entwicklungen im Krankenhaus wie in der ambulanten Praxis die Ausbildung und Aufrechterhaltung personaler Beziehungen. Zu diesen Entwicklungen zählen Personalmangel, Arbeitsverdichtung, Zunahme fachfremder Aufgaben, abnehmende Kontaktzeiten, Verstärkung der biomedizinisch-technischen Orientierung, Betonung der Selbstbestimmung bei Zunahme manipulativer Einflüsse („Fallmanagement“, Werbung), Ökonomisierung und Vermarktlichung der klinischen Medizin.
Zusammengenommen verringern sie die Möglichkeiten zu einer Gestaltung der klinischen Arbeit im Sinne der (älteren) anthropologischen und der (jüngeren) patientenzentrierten Medizin.
Es bleibt zu diskutieren, ob und wie diese Entwicklungen beeinflusst werden sollten und könnten – und zu welchen realistisch erreichbaren Zielen.

 

Zur Person

Geboren 13.9.1945 in Lübeck
Verheiratet mit Dr. med. Angelica Raspe, geb. Rehn, vier Kinder (Andrea * 1976; Friederike * 1978; Matthias * 1981; Franziska * 1989)
Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche
 
Ausbildung
  • 1965                      Abitur am altsprachlichen Zweig des Katharineums zu Lübeck
  • 1965 - 1970          Studium der Humanmedizin in Freiburg und Lübeck
  • 1970 - 1973          Studium der Soziologie in Freiburg
  • 1973                      Promotion zum Dr. med.
  • 1979                      Promotion zum Dr. phil.
Arbeitsschwerpunkte
  • Klinische, Bevölkerungs- und Versorgungsepidemiologie vor allem rheumatischer und chronisch entzündlicher Erkrankungen
  • Rehabilitationsforschung im Kontext von Versorgungsforschung
  • Evidenzbasierte Medizin und evidenzbasierte medizinische Versorgung
  • Ethik der medizinischen Forschung und medizinischen Versorgung
  • Theorie der klinischen Medizin
 
Berufstätigkeit
  • 1973-1978 Assistent an der Abteilung für Medizinische Soziologie am Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg
  • 1978-1989 Assistent und Oberarzt an der Abteilung für Krankheiten der Bewegungsorgane und des Stoffwechsels der Medizinischen Hochschule Hannover
  • Veniae legendi für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin (1982) und Klinische Rheumatologie (1988)
  • 1988/1989 Kommissarischer Leiter der Abteilung Rheumatologie im Zentrum für Innere Medizin und Dermatologie der Medizinischen Hochschule Hannover
  • 1989-2010 Direktor (C4) des Institutes für Sozialmedizin der Medizinischen Universität zu Lübeck
  • Oktober 2010 – Juni 2015 Seniorprofessur für Bevölkerungsmedizin, Zentrum für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung, Universität zu Lübeck
  • Juli 2015 – Juni 2018 Permanent Fellow der Kollegforschergruppe Normbegründung in Medizinethik und Biopolitik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
  • Juli 2015 ff. Gastwissenschaftler am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der WWU
 
Mitarbeit in Gremien
Seit 1986       Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ethik in der Medizin
1994-2013    Mitglied des Vorstandes des Vereins zur Förderung der Rehabilitationsforschung
                        in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein e.V. (vffr)
1995-2007    Mitglied "Zentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und
                       ihren Grenzgebieten" (ZEKO) der Bundesärztekammer
1996-2004    Mitglied im Wissenschaftlichen Ausschuss des Gesundheitsforschungsrates des
                       Bundesministeriums für Bildung und Forschung
1997-2010    Sprecher des Norddeutschen Verbundes für Rehabilitationsforschung
Seit 1998       Gründungsmitglied und erster Sprecher (bis 2001) des Deutschen Netzwerk
                       Evidenz-basierte Medizin
2001-2007    Mitglied des WHO European Advisory Committee on Health Research
2003-2005    Mitglied der Enquete-Kommission Ethik und Recht der modernen Medizin des
                       Deutschen Bundestages
2004-2012    Mitglied des Beirats Medizin & Gesundheit des Vorstands der Techniker
                       Krankenkasse
2004-2012    Fachkollegiat im Fachkollegium Medizin (Sektion 1) der DFG
2004-2013    Mitglied und Vorsitzender Ethik-Kommission der Med. Fakultät der
        Med. Universität Lübeck
2008-2012    Fachkollegiat zusätzlich im Fachkollegium Medizin Sektion 4: Genetische,
                       metabolische und regulatorische Basis von Krankheiten und Public Health der DFG
2009-2013    Gründungsmitglied und erster Sprecher des Zentrums für Bevölkerungsmedizin und
                       Versorgungsforschung der Medizinischen Fakultät der Medizinischen
                       Universität zu Lübeck
2010-2015    (Gründungs)Mitglied des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck
Seit 04/2010 Mitglied Wissenschaftlicher Beirat des Zentralinstituts der KBV zur
                       Forschungsförderung in der Versorgungsforschung
Seit 06/2012 Mitglied und Ko-Leiter der Arbeitsgruppe Priorisierung im Gesundheitswesen des                        Vorstands der Bundesärztekammer
2012              Mitglied des Gründungsausschusses der European Medical School an der Universität
                       Oldenburg für den Forschungsschwerpunkt Versorgungsforschung
Seit 12/2014 Ombudsmann des Arbeitskreises Medizinischer Ethik-Kommissionen in Deutschland
 
Ehrungen und Preise
 
1980               Verleihung des Hans-Roemer-Preises des Deutschen Kollegiums für
                        Psychosomatische Medizin
1980               Verleihung des Preises der Deutschen Rheuma-Liga
2005               Verleihung der Franziskus Blondel-Medaille der Stadt Aachen
2009               Verleihung der Ernst-von Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer
2013               Verleihung der Salomon Neumann Medaille der Deutschen Gesellschaft für
                        Sozialmedizin und Prävention
Seit 2012        Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften
Seit 2012        Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie
Seit 2018        Ehrenmitglied des Deutschen Netzwerks für Versorgungsforschung

 
 
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Literaturhinweise (aktuelle Veröffentlichungen)